Jessis Tagebuch: (Nicht nur) Vatertag in München

Jessis Tagebuch: (Nicht nur) Vatertag in München

Nach München zu fahren, ist von Heinsberg aus eine echte Herausforderung. Man hat das Gefühl, dass von Norden nach Süden die ganze Autobahn erneuert wird. Man fährt von Baustelle zu Baustelle, also brauchten wir nicht lange zu überlegen, wann wir am besten loskommen – wir fuhren also nachts. Für Spezi die beste Entscheidung. Um 23.30 Uhr sind wir zu Hause losgefahren Richtung Gut Auric. Von dort ging’s mit Spezi an Bord dann um 01.00 Uhr Richtung München. Mama ist gefahren, und mein Bruder Kelvin und ich haben sie abwechselnd bespaßt und mit Kaffee versorgt. Regelmassig war ich hinten bei Spezi und habe ihn zwischendurch getränkt und mit einer leckeren Portion Mash verwöhnt. Zum schlafen bin ich eigentlich nicht gekommen, denn ich war zu aufgeweckt und freute mich riesig auf das Turnier. Nach ca. 8,5 Stunden hatten wir das Ziel erreicht.

Dort angekommen ging alles ZZ. Per Vorab-Info hatte man uns genau mitgeteilt, wo wir Spezi unterbringen konnten und wo geparkt wird. Das Stallzelt war noch halb leer, und wir ergatterten einen tollen Parkplatz unmittelbar vor Spezis Zelt. So hatten wir kurze Wege, was für die Versorgung von grossem Vorteil ist.

Ausgerechnet an diesem Wochenende gab es Außentemperaturen von über 30 Grad. Wir hatten bis zu 3 Eimer Wasser in Spezis Box hängen, damit er ja nie ohne war. Aber wie gesagt, Kelvin packte mit an, und im Nu waren wir eingerichtet, die Tackbox picobello, LKW ausgefahren, Tisch gedeckt, Frühstück ausgepackt, und da saßen wir dann gemütlich anderthalb Stunden später in der Morgensonne.

Nachdem Spezi seine Futterration aufgefressen und sich ein paar mal gewälzt hatte, machten wir einen großen Spaziergang über das Olympiagelände. Es war brechend voll – so viele Zuschauer. Die Münchner Pferdeinteressierten hatten den Feiertag und das schöne Wetter zu nutzen gewusst. Toll, wenn so viele Zuschauer da sind.

So gegen Mittag brach die Müdigkeit über mich herein, und für zwei Stündchen machte ich die Augen zu. Gegen halb vier war ich zum Training verabredet mit meinem Trainer Jean, der mittlerweile auch gelandet war. Spezi, der wahrscheinlich auch ein Weilchen gedöst hatte, zeigte sich frisch und munter. Die Reitplätze auf der Anlage sind wunderbar, alles war perfekt!

Mein Bruder war seit Langem mal wieder dabei, und er kümmerte sich in der Zwischenzeit um die Gartenmöbel, den Grill, eisgekühlte Getränke aber auch um Spezis Box und seine Wasserversorgung.

Meine Cousine Chiara sowie mein Freund Fabio leben zur Zeit in München, und wir freuten uns auf einen gemeinsamen Abend in geselliger Runde beim Barbeque. Die Küche in München ist zwar vorzüglich, aber für den ersten Abend hatten wir uns für’s Grillen am LKW entschieden, da uns die Nachtfahrt alles abverlangt hatte und wir zeitig ins Bettchen wollten.

Freitag morgen um sechs Uhr dreißig schon 21 Grad! Mama bot an zu füttern; ich habe dankend angenommen. Ich hätte den ganzen Tag schlafen können! Eine Stunde später war ich dann doch bereit fürs Duschen und Zähneputzen … gäääaaaaachhhnn! Spezi wartetete schon, und wir beide ritten eine Runde über das Gelände.

Freude groß, Papi kommt! Er hat immer so viel um die Ohren, dass er es nur selten schafft, dabei zu sein. Deshalb freute es mich besonders. Wenn die Turniere nicht so weit weg sind dann kommt er immer kurz zur Prüfung dazu, doch Auslandsturniere schafft er, wenn es keine Feiertage sind, nur selten. Natürlich schaut er alles über ClipMyHorse, und auch sonst stehen wir per „Standleitung“ mit ihm in Verbindung, aber dabei sein ist einfach etwas anderes 🙂

Nachdem er seinen ersten Flug am Vormittag verpasst hatte (war vorprogrammiert, LOL), kam er mit zwei Stunden Verspätung bei uns an. Familie komplett, Vatertag nachholen! Wir schlenderten über die Anlage, schauten uns den Grand Prix an und ein wenig Springen.

Nachmittags wurde wieder trainiert. Da es bei uns im Stall flexibel zugeht, kommt mal Borja und mal Jean mit. Es ist sehr schön, mit Jean zu trainieren. Er liebt Spezi, und das merkt man sehr gut, weil er sich so in ihn hineinversetzen kann. Ich merke direkt, ob es Spezi so passt und wir in einer Wohlfühlphase trainieren. Auch Borja ist großartig und die meiste Zeit im Stall. Ich lerne also jeden Tag sehr viel von beiden. Im Stall kümmern sich noch unser Manager Alexander und unsere Pferdepfleger (Reiter) Helena und Ashlea (unser Spanier Lucas hat uns leider letzte Woche nach einem Jahr verlassen, um neue Wege zu gehen, auch er war super) um alle Pferde, und das sind echte Superhelden! Von meiner Mum brauche ich ja nicht zu berichten, sie ist allgegenwärtig.

Nach dem Training bekam Spezi eine herrliche Dusche, er findet es super, Wasser aus dem Schlauch zu trinken, und er macht sich einen Spaß daraus, mir den Schlauch abzunehmen.

Am späten Nachmittag graste Spezi eine Stunde auf einer nahegelegenen Wiese mit mir an der Hand, zusammen mit jeder Menge anderen Kumpels, die sich nochmal die Beine vertreten wollten.

Ich war glücklich und entspannt, lag doch wieder mal eine anstrengende Woche hinter mir – kurz bevor wir los sind, habe ich noch Klausuren geschrieben. Das Studium macht mir richtig Spaß. Meine Tagesabläufe sind zwar pickepacke voll, und ich habe relativ wenig Freizeit, aber ich empfinde es als großes Glück, auf dem Land studieren zu können, an einer Hochschule, die ihre Vorlesungen am Abend abhält. Morgens stehe ich so gegen 6 auf, frühstücke, mache mir ein Pausenbrot, fahre ca. 70 Kilometer zum Stall, ca. 70 KM. Dort bin ich bis mittags, gebe noch Reitstunde oder reite noch woanders ein paar mal die Woche, treibe noch Ausgleichssport, lerne, und wenn ich abends von der Hochschule komme, falle ich nur noch ins Bett! Aber ganz ehrlich, ich finde es optimal so. Meine Hochschule ist sechs Fahrminuten von zu Hause entfernt. Meine Professoren und Lehrer sind toll. Wir sind eine kleine Gemeinschaft, jeder kennt fast jeden, und wir bekommen viel Aufmerksamkeit. Manchmal habe ich auch samstags Vorlesungen. Dann versuche ich, das Wochenende mit Lernen zu verbringen, damit ich dann wieder den Kopf frei habe fürs Reiten. Das Reiten bietet mir im Moment wieder so viele neue Erkenntnisse. Du lernst nie aus, und ich bin überrascht von Spezis Engagement, denn er scheint ganz viel Spaß zu haben an seinen neuen Lektionen.

Nicht nur er, sondern auch Leo entwickelt sich ständig weiter. Leider konnte ich ihn nicht mit nach München nehmen, denn Spezi ist nach wie vor ziemlich anhänglich auf Turnieren. Er konzentriert sich dann zu viel auf den anderen. Das hat er schon mit Flöchen gemacht, mit Rever und auch mit Leo. Rever wird auch langsam fit. Über sie kann man nur sagen “Hut ab”; sie hat ihre ganze Krankheitsphase mit Würde getragen, sich äußerlich nicht verändert, sieht genau so sportlich und hübsch aus wie die anderen und hat nichts von ihrem Charme verloren. Sie war immer ausgeglichen, sie kämpft sich zurück, wir galoppieren schon wieder, und sie ist trotz allem immer noch die Chefin!

Jetzt zurück zu München. Nachdem alles versorgt war, wir alle geduscht und abendfein, fuhren wir in die City. Meine Mama hatte einen Tisch reserviert in einem tollen Restaurant, wo wir zu acht einen sehr geselligen Abend verbrachten. So gegen 21 Uhr stand die Startfolge für die Inter-II fest: vierte Starterin am späten Vormittag.

Samstags dann endlich Prüfung. Die Abläufe sitzen, wir sind leicht aufgeregt, alles wie immer.

Es war ein schönes Abreiten, und wir ritten auch eine ordentliche Prüfung. Leider diesmal die Zweierwechsel kaputt, einige Pünktchen hier und da liegengelassen, learning by doing nennt sich das 🙂

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So eine Mischung aus zufriedener Unzufriedenheit, klingt witzig .ist aber so. Ich habe einen gesunden Ehrgeiz, und ich muss halt lernen die Dinge so umzusetzen, dass ich keine Punkte liegenlasse. Ich freute mich natürlich sehr über die tolle Platzierung, und nachdem Spezi abgepflegt und in seiner Box ausreichend mit allem versorgt war, sind wir nach München reingefahren, um ein wenig zu bummeln und gemütlich irgendwo einzukehren. Papa war in seinem Element, er liebt München, hat dort auch regelmäßig zu tun und freute sich auf ein Münchener Bier.

Meine Cousine schleppte uns auf die Dachterrasse des Mandarin Oriental Hotel, von dort hat man eine mega Aussicht über die Stadt. Es gab ein paar Tapas zu essen, kühle Getränke und viel zu erzählen. Es war wie Urlaub.

Pünktlich bin ich zurück, um Spezi zu füttern und uns nochmal die Beine zu vertreten. Anscheinend hatte er geschlafen, denn er hatte seinen Schopf voller Stroh. Gegen 19 Uhr war die Starterliste da. Die Prüfung fing eine Stunde später an. Sechstes Starterpaar. Ich bereitete noch alles für den morgigen Tag vor, Stiefel ,Trense, Kandare putzen. Etwas später am Abend besuchten wir einen Freund unserer Familie, den wir seit Jahren aus Berlin kennen und der seit letztem Jahr seine berufliche Laufbahn in München fortgesetzt hat, in seinem Restaurant, und wir wurden nach Strich und Faden verwöhnt. Wie Urlaub eben!

Sonntagmorgen herrschte schon Aufbruchsstimmung, und einige Pferde waren am Abend schon ausgezogen. Spezi und ich machten uns mit Coachphone auf dem Weg zu Jean am Abreitplatz, und wir waren guter Dinge.

Eine schöne Prüfung, diesmal Fehler in den Einerwechseln, so ist das. Fünfte, irgendwie doch gigantisch! Aber ich muss noch aufmerksamer, noch sensibler, noch feiner (das lerne ich zur Zeit) und vor allen Dingen noch energischer einwirken. Grand Prix zu reiten macht so viel Spaß; es ist so intensiv. Ich merke, wie konzentriert ich bin. Es fordert mich, und das ist genau mein Ding.

Wir verabschiedeten uns von Papa und Jean, die zurückflogen. Dann von meiner Nichte und schließlich von Fabio.

Die Heimfahrt war eine Katastrophe, nach mehreren Stunden im Stau erreichten wir den Erlenhof der Familie Krause-Rothenberger, wo wir schon erwartet und aufs herzlichste begrüßt wurden. Spezi bekam eine Dusche und eine große frische Box und wir ein schönes Bettchen, doch zuerst fuhren wir mit den Erlenhöflern zum Pizzaessen.

Hundemüde fielen wir später ins Bett. Um drei in der Nacht sind wir nochmal aufgestanden, um nach Spezi zu sehen. Erste Etappe gut überstanden.

Am Montag dann noch die letzte Etappe: 275 km nach hause. Diese verlief auch nicht ideal, auch montags gab es viel Stau, vor allen durch die ganzen Baustellen. Am Stall wurden wir schon erwartet, und Spezi bekam seine Vitaminbombe. Ich führte ihn Schritt, bis Helena übernahm, damit wir den LKW ausladen konnten, und sie kümmerte sich auch am Abend nochmal um ihn. Mittlerweile 38 Grad … zwei Stunden später fuhren wir dann endlich heim. Zu Hause dann nur noch duschen und schlafen.

Ein tolles Wochenende, viel erlebt, glücklich und zufrieden, alle wieder gesund nach Hause gekommen, das ist immer das Wichtigste.

Ich habe konzentriert für Balve trainiert, wo jetzt die nächste Station des Piaff Förderpreises wartet, und ich freue mich auf das, was kommt.

GlG und bis bald,

eure Jessi