Jessis Tagebuch: s’Hertogenbosch …

Jessis Tagebuch: s’Hertogenbosch …

Ich war zum ersten Mal auf einem Turnier, auf dem ich auch meinem Trainer bei der Prüfungsvorbereitung und bei seinen Starts zusehen konnte. Sehr aufregend, beim Worldcup dabei zu sein!

Ich bin mit Leo Kleine Tour geritten und mit Spezi U25.

Was die Organisation angeht, ist das Turnier in den Bosch an Perfektion kaum zu überbieten. Sehr professionell aufgebaut. Es fehlt für Reiter und Pferd nichts an Komfort. Die Stallungen waren sogar mit Teppichboden ausgelegt. 2017_denbosch_IMG_8759Da wir im Verreisen mittlerweile Vollprofis sind, waren wir im Nu eingerichtet. Zeit fürs Training. Unser Trainer Jean Bemelmanns war auch vor Ort. Als Nationaltrainer der Franzosen war er mit zwei Reitern dabei, sowie mit Borja und Küken Jessi. Wir trainierten alle nacheinander, Spezi und Leo überwältigt von der Kulisse und auch beide ziemlich nervös. Gegen 18 Uhr waren am Anreisetag alle Pferdchen versorgt. Die „Großen“ hatten Vetcheck und wir saßen gemütlich im Riders Club und schauten zu.

Direkt in der Halle mit den Stallungen gab es den Riders Club. Eine gemütliche Holzhütte mit schönen Sitzmöbeln und hohen Tischen mit Hockern, geschmackvoll gestaltet, und es gab rundum die Uhr Essen und Trinken. Sehr vorbildlich. Es hat also kein Groom Hunger gelitten! Wir konnten von dort aus über Fernseher Dressur und Springen verfolgen. In den anderen Hallen gab es viele Aussteller und Restaurants mit Sitzgelegenheiten und Cafés, dazwischen wurde geritten, also sehr viel zu gucken für die Pferde. Es gab sogar eine Sushi-Bar, wo das Essen am laufenden Band vorbei kommt.

Vetcheck Freitag morgen um neun. Um 15.30 fing Leos Prüfung an. Wie soll ich es beschreiben?  Er hat meine Erwartungen übertroffen. Das klingt vielleicht komisch, aber dieses Pferd ist so sympathisch und nett vom Charakter. Auch wenn das jetzt noch nicht zum Siegen oder überhaupt für eine gute Platzierung gereicht hat, ist da viel Potenzial, und wir sind mit ihm auf den richtigen Weg. Vor allem ist er in der Prüfung trotz seiner Aufregung bei mir und geht mit mir da durch. Noch nie in seinem Leben war er auf so einem Turnier, und es war auch am Samstag die allererste Kür in seinem Leben, und sie war wirklich schön anzusehen. Jetzt müssen wir an den Feinheiten arbeiten, und er braucht eine eigene Kür. Diesmal ist er noch zu Spezis Musik gelaufen. Er braucht eine andere Choreografie, und wir haben schon schöne Musik für ihn ausgesucht, nur so wie bei allem: „Gut Ding will Weile haben.“2017_denbosch_IMG_8772

Dann war es Zeit für Spezi um kurz vor 20 Uhr. An für sich verlief das Abreiten sehr gut, und mit dem Gedanken bin ich auc h gestartet.  Die Trabtour bekamen wir ordentlich hin, die ersten Piaffen war ganz gut und die Passagen auch. Er verkroch sich ein bisschen, doch ich bekam ihn wieder vor mich. Dann im Schritt wurde ich plötzlich abgeklingelt – einer der Richter meinte, ich hätte mich verritten, doch dem war nicht so!!!
Große Fragezeichen bei den anderen Richtern und beim Publikum???? Spezi und ich waren völlig von der Rolle. Ich musste ab Schritt neu anreiten, bekam ihn nicht mehr so vor mich, und dann kamen natürlich die Fehler, die nicht mehr zu vermeiden waren, dafür sind wir zu grün in dieser Prüfung. Wechselfehler in den Einern und zwei Prozent Abzug wegen angeblichen Verreitens. Was für eine Blamage 🙁

Wir haben später mit sechs Leuten ClipMyHorse geschaut, und niemand hat ein Verreiten festgestellt. Ich bin zu dem besagten Richter hingegangen, und er meinte ich hätte zu früh aus der Passage in den Schritt durchpariert, dies war aber nicht der Fall. Mit Schwamm drüber und „Take Five“ war für ihn die Sache erledigt, und ich blieb mit den verschenkten Punkten zurück. Mein Resultat wurde nicht korrigiert!

2017_denbosch_IMG_8791Das ich nicht gerade der Clown am Tisch war am Abend, versteht sich von selbst. Morgens um acht Uhr fand der Soundcheck statt. Dort teilte man mir mit, dass ich die CD am Vortag hätte abgeben sollen, was aber nirgendwo mitgeteilt wurde. Mit ein paar „netten“ Äußerungen, die ich sehr wohl verstanden habe, ließ man mich stehen. Mein Niederländisch ist sehr gut, das hat dort wahrscheinlich keiner vermutet. Eine Stunde warten, und als alle anderen durch waren, durfte ich dann auch endlich noch meinen Soundcheck durchführen. Das war ein Gag!

Wie schon gesagt, war ich mit Leo total happy, und ich bekam von meinen Trainern ein tolles Feedback. Alex machte richtig schöne Bilder, die Ihr hier seht. Damit war ich positiv eingestellt und freute mich auf die Kür mit Spezi. Gut gelaunt stieg ich auf meinen „Master of Desaster“ lol

Er war in der Vorbereitung schon sehr angespannt, hat aber trotzdem seine Lektionen gemacht, doch in der Arena schaukelte er sich nochmal hoch. Als die Musik startete, doppelt so laut wie vereinbart, war ich machtlos gegen seine Anspannung. Ich versuchte, alles zu geben, und er war auch zum Teil wirklich toll, doch ich bekam vieles nicht hin, und das war sooooo schade, weil ich weiß, dass wir es besser können. Er ist keine Maschine, sondern genau wie ich aus Fleisch und Blut. Ich habe wenig Erklärung, warum er so gestresst war. Er war am Vortag noch das Gegenteil. Unter Spannung klappen dann natürlich die Serienwechsel nicht. Ich habe improvisiert und sie noch auf anderen Linien eingebaut. Mit perfekten Pirouetten und Zweierwechseln allein gewinnt man aqber leider keinen Blumentopf. Es tat mir so leid … für uns beide. Beim Rausreiten aus der Arena hatte ich einen Kloß im Hals. Zu allem Überfluss musste ich sofort in die Dopingkontrolle. Das gehört natürlich dazu, aber ich hätte es Spezi in dem Moment gerne erspart.2017_denbosch_IMG_8801

Spezi ist von Haus aus schon sehr sensibel. Etwas impulsiv und sehr temperamentvoll, aber auch ein Häschen und sehr anhänglich … und er hat enormes Talent.  Ich kenne Spezi seit Jahren, und wir haben, glaube ich, großes Vertrauen zueinander. Dass Spezi von den Eindrücken so verunsichert wurde, damit hätte ich nicht gerechnet. Auch wenn ich enttäuscht war, weiß ich, dass er sich bemüht hat. Ich weiß, was ich an ihn habe, und er ist mein großer Schatz. Wir werden ihm die Zeit geben, die er braucht, bis wir es gemeinsam entspannt hinbekommen, doch ich muss auch mal mit ihm vor die Tür und so ein Turnier anpeilen, damit wir Erfahrungen sammeln können. Zu Hause ist er so entspannt, und mit den Lektionen läuft alles so easy, als ob er sie immer schon konnte. Auch Nizza war kein Vergleich, deshalb war ich eigentlich zuversichtlich, dass wir das schaffen, uns ordentlich vorzustellen.

Wir analysierten anschließend die ganze Geschichte, und ich bekam wie immer liebevollen und sachlichen Rat. Ganz überraschend kam Madeleine Winter-Schulze zu mir in die Tackbox. Sie nahm mich ganz herzlich in den Arm und  hat mir sehr nett Mut zugesprochen. “Was glaubst du, wie es früher bei Isabell oder Ludger war?“, und: „Wenn du es nicht könntest, wärst du nicht hier!“ Das fand ich so superlieb; es hat mir richtig gut getan.

Ich stehe noch am Anfang und meine Ansprüche sind zwar groß, was die Zukunft angeht, aber ich bin auch Realistin und weiß, wie viel Wasser noch den Rhein hinunter läuft, bis alles gefestigt ist und funktioniert. Auch wenn Ihr hier lieber von Platzierungen lesen wollt und ich Euch auch lieber davon berichten würde, muss ich doch auch die Dinge beim Namen nennen.

2017_denbosch_IMG_8802Da mein Adrenalinspiegel ziemlich hoch war, musste ich mich abreagieren, und so war alles besonders schnell eingepackt und auf dem Lkw verstaut. Meine lieben Großeltern, die das ganze Wochenende mit dabei waren und allen Höhen und Tiefen mit durchlitten haben, verabschiedeten sich. Ich war sehr glücklich, sie mal dabei gehabt zu haben. Auch mein Papa fuhr schon mal Richtung Heimat zu meinem Bruder und unseren Hunden. Wir warteten gespannt auf sie Weltcup Kür. Borja ritt eine sooooo schöne Kür mit Dobby. Das Publikum tobte, und es war ganz besonders für mich, ihn reiten zu sehen. Obwohl wir noch nicht lange miteinander trainieren, habe ich ihm schon so viel zu verdanken. Er ist ein begnadeter Reiter. Alles, was er macht, macht er mit Ruhe und Gelassenheit, und das ist sehr positiv für unseren täglichen Ablauf.

Soweit mein Beitrag zu s`Hertogenbosch. Es war vielleicht für mich die wichtigste Erfahrung. Heute genieße ich meinen freien Sonntag, Spezi und Leo auch. Eine harte Woche geht zu Ende – ich habe auch noch kurz zwei Klausuren geschrieben, Dienstag und Mittwoch!

Ich freue mich schon auf die neue Woche, da geht’s mit dem Training weiter und wenn das Wetter weiter so schön ist, dann auch eine große Runde über die Rennbahn.

Bis dahin,

GlG, Eure Jessica