Jessicas Tagebuch: Nizza oder willkommen in der Königsklasse

Jessicas Tagebuch: Nizza oder willkommen in der Königsklasse

Nizza! Endlich wieder ein Turnier!

Dienstags morgens um vier ging der Wecker. Montags hatten wir schon alles vorbereitet, den LKW am Stall geparkt, den Hänger mit Heu und Stroh beladen und mit Schubkarre, Mistgabel, Besen, Fahrrädern, Eimern, Trögen und so weiter. Dazu mein ganzes Reitequipment, Decken für jede Wetterlage, Futter für Spezi, sein Bettchen für untertwegs, Heu und Mash sowie Wasser, alles griffbereit! Klamotten eingeräumt, Kühlschrank befüllt, Betten gemacht u.s.w. …

Also fuhren wir morgens zum Stall nur noch mit der Zahnbürste im Gepäck 🙂 Spezi war schon wach und im Nu reisefertig. So gegen halb sechs fuhren wir auf die A 57 und dann ab in den Süden.

Leo war auch genannt und eingeplant für Nizza, doch dieser Tollpatsch hat mich noch kurzerhand versetzt. Er schlug sich den Kopf an und zog sich dabei eine Fleischwunde zu, die getackert werden musste, also aus die Maus. Zuerst war ich sehr traurig deswegen; ich hatte mich so darauf gefreut, mit ihm die JR dort zu reiten. Doch letztendlich lag der Focus auf meiner U25-Premiere, und im Nachhinein bin ich froh, dass ich mich voll und ganz auf Spezi konzentrieren konnte.

Die Fahrt verlief zügig. Bis auf stockenden Verkehr rund um Köln gab es keine Verzögerungen. Wir fuhren durch die Eifel Richtung Bitburg und gelangten so nach Luxemburg. Weiter von Metz nach Nancy und über Dijon nach Lyon, wo wir im Parc du Cheval mit Spezi übernachten wollten. Wir hatten uns zum Ziel gesetzt, noch im Hellen dort anzukommen, und das schafften wir auch.

Spezis Box war schon schön eingestreut, es lag schon frisches Heu drin mit Möhrchen und Äpfelchen, das hatten die Erlenhöfler aus Bad Homburg schon für uns gemacht, die eine halbe Stunde vor uns dort angekommen waren mit drei Ponys und einem Pferd. Es gab ein großes Wiedersehen, hatten wir uns doch seit Oktober nicht mehr gesehen! Spezi erkannte sofort Danilo, der drei Jahre lang sein Stallnachbar war. Doch eine ganz dicke Freundschaft entstand im Lauf der Reise zwischen Spezi und und Nadine Krauses Dancer. Unglaublich, wie die beiden sich mochten. Wenn Dancer vor der Box fertig gemacht wurde, stand Spezi dabei und machte ihn mit sauber, anders herum genau so. Sie kuschelten regelrecht zusammen 🙂

Dann waren wir erst mal dran. Nachdem wir unsere Pferde versorgt, Schritt geführt und gefüttert hatten, trugen wir ein gemütliches Abendessen bei uns im LKW zusammen und quatschten noch ein Weilchen. Dann wurde geduscht, alles für die Weiterfahrt vorbereitet, und um halb neun lagen wir im Bett. Morgens halb fünf wurde Heu gefüttert und um kurz vor fünf das Kraftfutter. Danach führten wir die Pferde Schritt, und gegen viertel vor sechs fuhr die Karawane Richtung Süden weiter. Jetzt fuhren wir mit drei LKWs hintereinander, und das ist sehr entspannt, weil man sich dann nicht so alleine auf großer Fahrt fühlt. Knappe sechseinhalb Stunden später fuhren wir bei strahlendem Sonnenschein in Nizza auf die Anlage. Happy, dass alles gut gegangen war und Spezi topfit vom LKW lief, stallten wir ein und machten es uns in der Boxengasse gemütlich. Zwei Stunden Später stand – dank charmanter Hilfe beim Ausladen und beim Einparken – alles an Ort und Stelle.

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Im Nu waren wir mit Strom versorgt, und nach einer ordentlichen Portion Nudeln, die Mama auf die Schnelle zubereitete, bin ich mit Spezi über die Anlage galoppiert, um einmal Dampf abzulassen. Man muss sich die Anlage so vorstellen: Die Boxen sind U-förmig gebaut bzw. an der Vorder- und Rückseite sind Boxen wie zwei WW aneinander, danach kommen die vier Dressurplätze. Seitlich gibt es eine offene Halle, davor und dahimter wieder Dressurplätze, und von der Rückseite nochmal ein Platz, eine Führanlage und Longierzirkel. Unsere Pferde standen innen im Ersten U. In jedem U war wiederum ein Sandpaddock, und auf diesem Sandplatz wurde den ganzen Tag Reitunterricht für Kindergartenkids und Schulklassen auf Shettys angeboten. Für Spezi war es anfangs eine Begegnung der dritten Art, und er stand in seiner Box entsprechend auf zwei Beinen und pustete wild vor sich hin. Doch dann beruhigte er sich sehr schnell und fand Gefallen an der ganzen Sache: Nie zuvor war Spezi so entspannt auf einem Turnier. Er hat gefühlte hundert Kinder gesehen auf ca. 40 Shettys, und die Betreuer machten die lustigsten Spiele mit den Kindern . Die Reitlehrerin war der Hammer :-) Wir wurden also den ganzen Tag bespaßt, unsere Stühle am Stall drehten wir in die Sonne und schauten dem lustigen Treiben zu. So machte es Spezi auch nichts aus, wenn seine Boxennachbarn nicht da waren. Ich war begeistert von seinem Verhalten. Wird er jetzt doch endlich erwachsen?

Gegen halb sechs trafen die Hinterhergeflogenen ein und brachten uns einen Van mit, damit alle in einem Wagen passten, um gemeinsam Ausflüge machen zu können und diejenigen, die im Hotel wohnten, hin und her zu kutschieren (Marcs Shuttle Service).

Wir hatten eine App-Gruppe, in der alle Infos so sachlich wie möglich (LOL) vermittelt wurden, z.B. wer wann wo abgeholt werden muss, wann welches Pferd eingeflochten, geputzt, gesattelt, gestartet, welche Reiterin wann die Haare gemacht bekommt, fertig angezogen mit Hören und Sprechen am Pferd sein soll und so weiter. Fotos – Situationen – Restaurants – Routen – Witze – Sprüche … alles dabei, sehr unterhaltsam!

Am ersten Tag holte ich Spezi abends noch ein zweites Mal aus der Box und trainierte, bis ich das Gefühl hatte, dass er total entspannt ist. Abends fielen wir gegen neun hundemüde ins Bett. Donnerstags morgens wurden alle um sechs gefüttert, und zwei Stunden später habe ich Spezi longiert. Um zehn dann nochmal geritten und für den Vetcheck vorbereitet. Mittags aßen wir gemütlich mit der ganzen Truppe am LKW. Das Wetter war prima, und wir hatten Berge von frischen warmen Choco Croissants und Baguettes mit Fromage :-) Ab 14.30 Uhr gings los mit dem Vetcheck, dieser zog sich über zwei Stunden. Als ich mit Spezi durch war, war es zwanzig nach vier. Wir chillten ein wenig, und nachdem wir gefüttert hatten, zogen wir uns kurz um und fuhren mit der ganzen Truppe in die Altstadt von Nizza. Dort verbrachten wir einen fröhlichen Abend.

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Freitag Morgen ging es dann Schlag auf Schlag; die ersten Prüfungen fingen um acht Uhr an, und Spezi und ich waren die Letzten um zwölf Uhr. Mittags war also alles gegessen 🙂 Wir zeigten eine recht ordentliche Prüfung, Spezi war sehr motiviert. Es macht ihm deutlich Spaß, diese schwierigen Lektionen mit mir zu absolvieren, und er gibt sich Mühe, alles richtig zu machen. Wir haben natürlich noch Abstimmungsschwierigkeiten und sind beide noch unerfahren, aber fürs Erste war ich sehr zufrieden mit Spezi und ich hoffe er mit mir auch 🙂

Nachdem alle Pferdchen toppi gepflegt waren, haben wir sie dem Treiben auf den Shettys überlassen und sind über den Boulevard geschlendert, haben ein wenig die Geschäfte inspiziert und gut gegessen. Nachmittags um fünf Uhr zurück zu den Pferden, und ich bin mit Spezi ein halbe Stunde spaziert. Abends haben Mama und ich uns ausgeklinkt von der Truppe und uns zu zweit einen gemütlichen Abend gemacht.

Für Samstag waren ähnliche Prüfungszeiten angesagt wie am Vortag, aber wir waren ja mittlerweile super aufeinander eingespielt.

Das Wetter war nicht so gut; wir hatten starken Wind, und überhaupt war rund um das Viereck viel los. In unmittelbarer Nähe war eine Kiesgrube, und während unseres Rittes fuhren jede Menge Baustellenfahrzeuge vorbei. Auf dem Abreiteplatz war Spezi so was von gut drauf, alles war Bestens, mit einem tollen Reitgefühl bin ich in die Prüfung … doch dann fehlte ihm die Konzentration, er war irgendwie ängstlich, und es schlichen sich viele Fehler ein. Augen zu und durch, dachte ich, und wir brachten die Prüfung über die Bühne. Ich war platt, als ich rauskam. Erstmal sacken lassen, und in Ruhe habe ich analysiert, während ich Spezi gewaschen und gefüttert habe.

Einen Grand Prix zu reiten – Kurz Grand Prix hin oder her – ist noch einmal etwas ganz anderes als S zu reiten. Die Feinabstimmung in der Vorbereitung, wie lange brauchen wir beim Abreiten, bis wir auf den Punkt sind? Alles Fragezeichen, die ich austüfteln muss.

Morgen würde ich kürzer abreiten, das war klar. Auch nicht vorher nochmal rausholen, denn er war etwas müde gewesen, dann fehlt ihm automatisch die Konzentration. Nach dem Ritt ist vor dem Ritt 🙂

Das sagten wir uns wohl übrigens alle, denn es war der Tag des Fehlerteufels. Keiner von uns war wirklich zufrieden mit dem, was er geritten war, doch die Stimmung bei uns war trotzdem toll, und nachdem jeder sein Pferdchen versorgt hatte, überließen wir sie wieder dem Shetty-Spektakel, das Spezi nur noch gähnend zur Kenntnis nahm.

Wir fuhren nach Cannes über Antibes und genossen am Boulevard von Cannes französische Spezialitäten zwischen Nobelboutiquen und feinen Leuten … in unserem Turnieroutfit. Wir waren ja schließlich nicht zum Vergnügen da!

Am Abend wurde für uns gefüttert, deshalb brauchten wir nicht ganz so früh zurück, dennoch stand der Soundcheck für die Kür am Sonntag an, und wir mussten schweren Herzens diesen wunderschönen Ort verlassen. Nach dem Soundcheck hatten Mama und ich genau 15 Minuten, um uns umzuziehen, uns abendfein zu machen und zum Hotel zu fahren, wo sich die andern auch im Eiltempo umzogen.

Am Vortag waren Steffi und Marc auf ein Restaurant im Hafen aufmerksam geworden, und dort war noch ein großer Tisch frei für uns. Superschöner absoluter IN-Laden mit einer hervorragenden Speisekarte. Jeder bekam sein Lieblingsgericht, und es wurde sehr viel gelacht. Es war ein toller Abend, und mit viel Elan und guten Vorsätzen für unsere Kür fielen wir müde ins Bett.

Meine Startzeit war erst um 15.30 Uhr. Die anderen ritten schon am Vormittag; so konnte ich mit Mama in Ruhe gemütlich frühstücken und schon mal alles wieder reisefertig zusammenpacken. Spezi ging am Morgen ein wenig Schritt, und die Zöpfchen machten wir so zwischendurch. Wir schauten den anderen beim Reiten zu und genossen das schöne Wetter. Gegen halb zwei verabschiedeten wir uns von den anderen, die schon nach Hause fuhren. Die „Flieger“ blieben bei uns und halfen beim Verladen. Ganz lieb fand ich, dass Nicola Krause mit mir trainierte und das richtig toll machte. Sie begleitete mich bis ins Viereck und gab mir ein gutes Gefühl mit auf den Weg. Ganz lieben Dank dafür! Bis auf kleinere Fehler war die Kür richtig schön, und ich konnte spüren, dass Spezi sich die ganze Kür über wohlfühlte.

Geschafft! Mein erstes U25-Erlebnis war vollbracht, jetzt ab nach Hause.

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Wir fuhren zügig und reibungslos bis Lyon, wo Familie Schroer auf uns wartete und wiederum für Spezi schon eine Box zurecht gemacht hatte, total lieb, Euch auch vielen Dank!

Wir blieben die halbe Nacht dort, und gegen fünf ging es weiter Richtung Heimat. Zunächst verlief alles zügig, wenig Verkehr, und wir waren guter Dinge. Nur die letzten 170 Kilometer waren eine Katastrophe. Wir mussten in Belgien Höhe Theux-Spa-Francorchamps von der Autobahn runter wegen einer Vollsperrung. Wir waren extra diese Route gefahren, weil über Bitburg viel Landstraße ist und vor Köln nur Baustellen und Stau. Meine Ma kutschierte uns durch die Prärie. Berg hoch, Berg runter, enge Gassen, mitten durch’s Zentrum von Spa.

Wären nicht so viele dicke Brummer vor und hinter uns auch diese Strecke gefahren, ich glaube, wir hätten Schweißausbrüche bekommen.

Zurück auf der Autobahn Richtung Aachen schleppten wir uns ab Broichweiden bis zum Kreuz Wanlo durch den Stau, dann nochmal Stau auf den letzten Metern auf der 57 … Fazit, wir haben für die 170 Kilometer STUNDEN gebraucht!

Als wir im Stall ankamen, erblickte just in dem Moment ein Fohlen das Licht der Welt. Selig, alles gut überstanden zu haben, kroch ich nach einer ausgiebigen Dusche so gegen sechs Uhr abends unter die Wolle und schlief durch bis zum nächsten Morgen.

Es war ein toller Trip, und wir haben es genossen. Spezi hat die Tour gut überstanden. Für ihn gab’s danach eine chillige Woche, und wir sind schon wieder voll motiviert und freuen uns auf das, was kommt. Leo geht es auch gut, und diese Woche kommen die Klammern raus.

Ich möchte mich nochmal bedanken bei Chip, der in Nizza Spezis Box gemistet hat, und bei Calvin Böckmann, der auch immer hilfsbereit war und oft den Boten gespielt hat, wenn einer was vergessen hatte. Die beiden flitzten dann mit dem Fahrrad los 🙂

Herzlichen Dank an Marc und Steffi, die den „Shuttledienst“ organisiert haben und uns morgens mit frischen warmen Croissants und Baguettes versorgt haben. Es war schön, Familie Schroer und Familie Lang dabei zu haben, und ich freue mich schon auf ein Wiedersehen beim nächsten Turnier. Danke natürlich auch an Anna, die mir Hennys Kür geliehen hat – passte perfekt!

Borja und Jan waren sehr zufrieden mit uns, und wir arbeiten auf die nächsten Turniere hin.

Bis dahin, drückt uns weiter die Daumen,

alles Liebe, Eure Jessica 🙂